The Secret Garden

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Ich fing an, mich für das World Wide Web zu interessieren, als ich zum ersten Mal die Software FutureSplash Animator ausprobierte. Ein Freund hatte mir die Software empfohlen. FutureSplash erinnerte mich sehr an das mir vertraute Grafikprogramm Freehand. Allerdings konnte man mit dem Web-Animationsprogramm auch animieren und Interaktivität hinzufügen. FutureSplash passte zu meinem vektorbasierten Illustrationsstil und es machte Spaß, damit zu arbeiten. Bilder und Grafiken in Webseiten konnten 1997 nur sehr kleine Dateigrößen haben. Jedes Bild musste sich gemächlich mit 33 Kilobyte pro Sekunde durch das Modem zwängen. Vektorgrafiken hingegen luden schnell über das Internet und konnten bildschirmfüllend dargestellt werden – das war der Hammer.

Die Seiten, die mit Futuresplash Animator erzeugt wurden, konnte allerdings nur der sehen, der sich ein Plug-in heruntergeladen hatte. Einige meinten dazu: Vergiss es! So ein Plug-in lädt sich niemand herunter. Ich entschied mich trotzdem die Software zu nutzen. Natürlich fragte ich mich, ob das nicht vertane Zeit wäre. Was, wenn sich am Ende niemand den Garten ansehen würde?

Das Blatt für FutureSplash Animator wendete sich, als Macromedia die Software kaufte. Mit wenigen Änderungen wurde aus FuturSplash Animator die Software Flash. Die Verbreitung von Flash und des Flash Plug-ins nahm nun Fahrt auf. Mehr und mehr Menschen sahen sich Flash-Inhalte im Browser an. Im Jahr 2005 war Flash auf dem Zenit seiner Verbreitung. Fast alles, was im Web Kreativpreise gewann, war mit Flash gemacht. Dann kam Steve Jobs, und damit der Anfang vom Ende für Flash.

Für mich war Flash eine Software, die vielen kreativen Menschen eine Plattform gegeben hat, um spannende Web-Projekte zu realisieren, digitales Storytelling zu ermöglichen und vielfältige experimentelle Anwendungen zu schaffen. Mit dem Verschwinden von Flash ist ein Stück lebendige Webkultur zugrunde gegangen.  

Mein nachhaltigstes Webprojekt

Der Secret Garden sollte ursprünglich die Webseite und das Experimentierfeld des Hochschulmagazins Mutabor werden. Christoph Petersen wollte das Magazin in Form einer digitale Western-Stadt ins Netz bringen. Ich war kein riesiger Fan von Western, aber das Web-Projekt reizte mich, und wir beschlossen es gemeinsam anzugehen. Dann kam es aber doch anders. Mein Studium in Kiel war plötzlich zu Ende und ich hatte den Wunsch, noch ein Jahr im Ausland zu studieren. 

1997 begann ich einen Masterstudiengang Digitale Medien in Mailand. Ich begann dort mit den ersten Ideen zum meinem eigenen Web-Projekt: The Secret Garden. Mailand ist für die meisten Italiener eine schreckliche Stadt, das genaue Gegenteil von „Dolce Vita”. Für mich bedeutet die Zeit in dieser Stadt vielleicht einen der glücklichsten Abschnitte meines Lebens. Nach Kiel hatte Mailand für mich einen faszinierenden, fast mediterranen Zauber. Die Hauptstadt der Lombardei repräsentiert den Glamour der Mode und ist das Zentrum des Industriedesigns in Italien. Sie hat aber auch etwas Vergilbtes und Melancholisches: Grüngekachelte Gebäude aus den 70ern, verrußte Sandsteingebäude, Hauseingänge mit bauchigen Säulen, weinroten Teppichen und Messinggeländern. Ich wohnte in der Nähe der Stazione Centrale, dem architektonischen Erbe der Faschisten. Nicht weit von meiner Wohnung, auf der Piazzale Loreto, wurden 1945 Mussolini und seine Geliebte kopfüber an einer Tankstelle aufgehängt und dem wütenden Mob präsentiert. 

Vieles von dem was ich in Mailand erlebte, fand auf die eine oder andere Weise Einzug in den Secret Garden. Youmiko, die Protagonistin der Geschichte, wurde nach einer japanischen Mitstudentin aus meinem Italienischkurs benannt. Meine damalige Freundin hingegen sprach die Soundfiles auf chinesisch ein. Das Eichhörnchen Scoiattolo, entsprang einer Kreidezeichnung meiner Italienischlehrerin: Es sah aus wie eine Wurst mit zwei Strichen als Beine – Prinzip Eichhörnchen auf das Notwendigste reduziert.

Über ein halbes Jahr baute ich an dem Secret Gardens herum, bis ich mit der Geschichte und dem visuellen Ergebnis zufrieden war. Meine damalige Dozentin Alexandra ermutigte mich, das Projekt für einen Adobe Studenten-Wettbewerb einzureichen. Ich gewann den ersten Preis und einen weiteren von Macromedia. Das Projekt wurde dadurch in vielen „Best of Web” Büchern erwähnt und auch durch das Internet viral weiterverbreitet. 

Das Web hat Alzheimer

Wenige Medien sind so flüchtig wie das World Wide Web. Die technische Entwicklung und der sich verändernde Gestaltungsstil sorgen dafür, dass kaum eine Website mehr als fünf Jahre überlebt. „The Secret Garden” ist ein Stück meiner persönlichen Geschichte geworden. Das wichtigste Projekt, das ich je realisiert habe.

Die Story handelt von einer Märchenwelt, die von einer Klimakatastrophe bedroht wird. Das Herz, die Lebensquelle des Gartens, beginnt sich immer stärker zu erwärmen. Als Folge davon schmilzt das Eisschloss der Prinzessin Zong-oo und die Welt gerät aus dem Gleichgewicht. Der User muss den Bewohnern des Secret Gardens Informationen entlocken, um hinter das Geheimnis seiner Zerstörung zu kommen. Auf seinem Weg trifft er ein Eichhörnchen, eine Prinzessin, den gefährlichen Fisho Cooda und Captain Bollo mit seinen Schnapphasen. Nach und nach kann der Spieler die Codes für die Lösung zusammensetzen. So gelingt es ihm am Ende, die vom Drachen bewachte Pforte zu öffnen, und das Rätsel um die Zerstörung des Gartens zu lüften.

Eine Geschichte ohne Happy End

Das Thema Klimawandel wurde 1997 noch kaum öffentlich diskutiert. Interessanterweise gibt es in der Geschichte viele Übereinstimmungen mit der aktuellen Umweltsituation: Die fortschreitende Erwärmung der Erdatmosphäre und auch das Schmelzen des Eises. Die Klimakatastrophe im Secret Garden hat allerdings ganz andere Ursachen. Der Übeltäter ist hier das Eichhörnchen Scoiattolo. Es hat seine Mutter verloren und vergießt unablässig heisse Tränen. Mit seiner Heulerei bringt es das Eisschloss zum Schmelzen und besiegelt damit den Untergang des Gartens.

Ich bekam sehr viele unterschiedliche Reaktionen auf das Projekt. Eine ist mir deutlich in Erinnerung geblieben. Eine amerikanische Mutter sandte mir eine wütende Email zu, in der sie sich beklagte, dass ihr Kind am Ende weinen musste: „Wir haben das Spiel bis zu Ende gespielt um die Welt zu retten. Am Ende ging sie trotzdem unter. ” Mir tat das Kind leid. Wir Menschen wünschen uns immer einfache Lösungen und ein „Happy End”. Aber die Welt mit ein Paar Codes retten? So einfach ist das nicht zu machen.

Es gibt wenige Web-Projekte von mir, die noch online sind. Der Secret Garden ist eines davon. Es war eine wunderbare und motivierende Erfahrung, dass ich so viele Menschen mit dieser Geschichte erreichen konnte.

Hier der historische Artikel von John Poole. 
washingtonpost.com
Friday, January 15, 1999

Can you keep a secret

Orginal Flashversion des Secret Gardens aus dem Jahre 1997 

Secret Garden (Flash⚡)

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